Autor: Adrian Suter
Spanien
Kein Muskelkater! Da wir die Campingplatzinhaber nicht mehr antrafen, bezahlten wir die Übernachtung bei den Platzchefs. Beim Abschied meinte Frau Chef mütterlich, sie habe gut geschlafen nachdem wir endlich von der Wanderung zurückgekommen waren, sonst hätte sie wohl kein Auge zugetan.
Frisch geduscht, Geschirr gespült, Batterien geladen und Klo geleert, es konnte weiter gehen!
Durchs Valée d’Aspe und einen langen Tunnel ging es in den Süden nach Spanien. Unterwegs in einer Schlucht entdeckten wir die Verteidigungsburg (gegen die Mauren?) „Fort de Portalet“ mit vielen gut getarnten Schiessscharten und Gängen in der darunter liegenden Felswand.
In Canfrac-Estación stoppten wir, wie vom Womoführer empfohlen bei einem alten internationalen Bahnhof. Dieser war dereinst belle-epoque-mässig schön, wirkt inzwischen aber leider traurig verwahrlost.
Es war verblüffend zu sehen, wie stark sich das Landschaftsbild der spanischen Pyrenäen von den eben erst verlassenen französischen Bergregion unterscheidet. Die Vegetation ist südländisch, an Trockenheit angepasst. Die Bergformationen aus rötlichem Gestein erinnern an den Grand Canyon. Auch der Baustil der Häuser ändert sich nach dem Grenzübergang. Es wird vorwiegend dunkles Gestein verwendet und die Kamine sind ungewöhnlich hoch.
Flos Passion für Klöster bewegte Adi und den tapferen Kometen zu einer anspruchsvollen Kurvenfahrt hinauf zum Monasterio „San Juan de la Peña“ in der Nähe von Jaca. Es war sehr heiss. Wir bruzelten im Womo vor uns hin und waren dankbar, als wir den Parkplatz im Wald erblickten. Mit einem Büssli ging es zum Monasterio viejo. Es wurde direkt in den Fels gebaut und die Räume waren daher angenehm kühl. Teile des Klosters wurden bereits im 9. Jh. n. Chr. erbaut. Verschiedene Angehörige des Geschlechts Aragon wurden hier bestattet. Wir wissen, dass viele Wände und Säulen früher wohl bemalt waren, doch uns gefallen die Räume gerade in ihrer heutigen Schlichtheit. Besonders schön sind die verschiedenen Reliefs, welche zum Teil schon fast modern wirkende Fantasiefiguren zeigen. Im Museumsshop findet Adi einen Pyrenäenhonig nach seinem Gusto, schön kristallisiert.
Nun stehen wir auf 1’800 Meter über Meer auf dem Col du Pourtalet und beobachten das Wetterleuchten. Morgen geht es weiter nach Norden durchs Vallée d’Ossau.
Les randonneurs nocturnes
Um 11 Uhr frühstückten wir bei strahlendem Sonnenschein und berauschendem Bergpanorama. Untermalt wurde unser morgendliches Geplampel von einem unablässigen Krähen des Dorfgockels, der offenbar nicht glaubte, dass sich mittlerweile auch die Letzten aus den Federn gerappelt hatten. Die Wespen besänftigen wir mit dem mittlerweile bewährten Gabenaltar.
Es gefiel uns so gut im grünen Lées-Athas, dass wir entschieden, eine Nachmittagswanderung zu machen und hier nochmals zu nächtigen. Das inoffizielle Platzmeisterpaar, sie mit Haarwicklern, er mit Weinflasche und am Pilzeputzen, empfahl uns eine Rundwanderung zum Col d’Hourataté via Plateau de Pirait. Die Wanderung begann sehr steil, doch glücklicherweise führte sie durch waldiges Gebiet mit vielen verbuchsbaumzünselten Buchsbüschen. Weiter oben durchquerten wir weitläufige Farnwiesen mit Riesenhäuschrecken und überhüpften Spinnfadensperren. An mehreren Weggabelungen fehlten die Wegweiser und wir wählten ziemlich zielsicher die falsche Rute, was uns einige Ehrenrunden einbrachte und unsere Wanderung um einiges verlängerte. Auf der Hügelspitze picknickten wir umzingelt von freundlichen und äusserst neugierigen Kühen. Das warme Licht der tiefstehenden Sonne liess die Landschaft noch viel schöner erscheinen und das Lichtspiel im Laubwald war beglückend. Den Sonnenuntergang genossen wir auf Passhöhe. Froh, dass es nicht mehr so heiss war, absolvierten wir die neun Kilometer Rückweg auf einem kaum befahrenen Teerweg, mit Wanderstöcken (Adi als Gandalf und Flo als Bischof) und glücklicherweise mit Taschenlampe, denn unterwegs wurde es dunkler und dunkler. Als wir um 22 Uhr auf dem Stellplatz eintrudelten stürmten unsere Campingnachbaren erleichtert aus ihrem Womo. Sie hatten in Sorge bereits die Campingplatzbesitzer (in erster Linie eigentlich eine Bauernfamilie) alarmiert und gaben nun umgehend telefonisch entwarnung.
Das Nachtessen bei Kerzenschein wurde richtig romantisch. Wir hörten viele Waldtieren – besonders eine Eule zeigte grossen Einsatz – und betrachteten lange den Nachthimmel mit Milchstrasse und Sternschnuppen.
Jetzt sind wir müde aber glücklich. Hoffentlich haben wir morgen keinen Muskelkater.
Es rollt
Wie vereinbart, meldeten wir uns um 11 Uhr bei Jean-Claude und kurz darauf stand er bei uns auf dem Campingplatz. Mit viel Anteilnahme erfuhren wir, dass seine Mutter letzte Nacht kurz nach seinem Eintreffen gestorben war. Er meinte, er sei froh, dass er in jenem Moment bei ihr war. Dass er uns geholfen habe, sei aber auch in ihrem Sinne gewesen. Denn von ihr und seinem Vater habe er sein Handwerk gelernt und dann über Jahre mit ihnen in der Citroën Garage zusammengearbeitet.
Nach einer Viertelstunde war der Kometmotor wieder tiptop funktionstüchtig und unser Helfer verabschiedete sich mit der Bitte, wir mögen ihm doch bei unserer Ankunft zu Hause eine Karte schreiben, damit er wisse, dass alles gut gelaufen sei.
Während des Frühstücks kam ein besonders schnüsiger Besucher vorbei. Ein kleines Hündchen mit nur einem Auge holte sich vorsichtig und auf sanfte Weise bei uns eine grosse Portion Streicheleinheiten ab. Später erfuhren wir, dass der Schnüsel heute Morgen ausgesetzt worden war. Zusammen mit unseren freundlichen Nachbarn aus der Bretagne engagierten wir uns für den armen Streuner. Beinahe hätten wir ihn adoptiert. Am Schluss siegte die Vernunft und für s’Hippeli ergab es eine andere Lösung.
Glücklich, ein fahrtüchtiges Womo zu haben, rollten wir aus dem Camping. Als Erstes inspizierten wir das Dörfli, auf dessen Zeltplatz wir zwei Tage verbracht hatten. Intxassou hat eine beeindruckende Kirche. Sie ist eher dunkel und hat mehrere Balkone wie in einem Theater. Auf dem Friedhof stehen viele für die Region typische diskoidale (schlüssellochförmige) Stelen.
Dann lenkten wir den Kometen tiefer in die atlantischen Pyrenäen hinein. Die Landschaft ist wunderschön grün und wir merkten deutlich, dass wir uns im Baskenland befanden. Die für die Region typischen Häuschen haben Steine entlang der Hausecken und rote Fensterläden und Balkone. Immer wieder trafen wir auch auf Protestsprayereien der ETA und bei einem Zwischenstopp in St. Palais, wo wir feines noch warmes Brot kauften, hörten wir zu unserer Überraschung die Klänge des baskischen Nationalsports, Pelota. Tock tock tock, fasziniert beobachteten wir, wie ein Vater und sein Sohn mit einem Fänger aus Korbgeflecht Bälle gegen eine Wand schleuderten.
Unser Stellplatz für diese Nacht ist ein wunderschöner Naturcampingplatz in Lées-Athas. Ein sympathisches, älteres Ehepaar begrüsste uns freundlich und betätigte sich bereden als Informationsbüro. Die beiden verbringen seit 20 Jahren ihre Ferien an dem Ort, sind inzwischen mit den Besitzern eng befreundet und sind froh, dass kaum jemand das ruhige Plätzchen kennt. Wir sind fast alleine in diesem grünen Paradies. Die Sanitäranlagen sind rudimentär, aber sauber.
Nun liegen wir in unserem gemütlichen Bett und schwitzen vor uns hin. Die Insekteninvasion bei unserer vorherigen Lüft- und Kühlungsaktion hält uns von weiteren Versuchen ab. Da entscheiden wir uns lieber für ein Wellness-Sauna-Nacht.
Gestrandet
Mit einem langen Frühstück und einem langen Duschspass in den geräumigen Sanitäranlagen zögerten wir den Moment der Wahrheit so lange wie möglich hinaus. Dann wagte Adi den Griff zum Zündschlüssel. Doch nichts tat sich und so mussten wir den Citroën Garagisten um Hilfe bitten. Über uns kreiste eine grosse Zahl an Geiern (wörtlich, nicht symbolisch) und wir hofften inständig, dass dies nicht als schlechtes Omen für den Kometen zu verstehen war.
Unsere Wartezeit verkürzten wir mit dem Abwasch der letzten drei Tage, mit anregenden Fachsimpeleien mit der Campingnachbarschaft und Rumgeplampe in den Liegestühlen. Eine Bande frecher Spatzen suchte uns regelmässig heim und erbettelte in erfahrener Manier so manche Brotkrumen. Die gesünderen Happen wurden verschmäht.
Unser Retter Jean-Claude erschien nach Feierabend. Er prüfte den Dieselfilter und den Tank, konnte da aber kein Problem entdecken. Schliesslich fand er den Fehler. Der Übeltäter war ein kleines, gelbes Kabel mit Wackelkontakt. Dieses ist für die Deaktivierung der Dieselzufuhr zuständig.
Jean-Claude fixierte das lose Kabel, konnte dann aber seine Arbeit am Motor nicht abschliessen, da er einen dringenden Anruf seiner Schwester erhielt. Seine Mutter war sehr krank und lag im Sterben. Dies bewegte ihn verständlichicherweise sehr stark und er war sichtlich aufgelöst und etwas durcheinander. Einerseits wollte er seine Reparaturarbeit beenden, andererseits wollte er seine Mutter aufsuchen. Schliesslich mussten wir ihn fast „vertreiben“. Wir blieben mit schwerem Herzen zurück – es tat uns Leid, dass wir diesen lieben Mann in dieser schweren Zeit so stark beansprucht hatten.
Zum Nachtessen kamen wir an diesem Abend nicht mehr, denn wir kriegten überraschenden Besuch. Ein Lysser/Winterthurer Rettungssanitäter und passionierter Gleitschirmflieger kam vorbei. Es wurde ein gemütlicher und etwas berauschender (leere Bäuche) Abend mit lokalem Bier und später noch Appenzeller.
Jetzt heisst es Pfuse. Wie und wann es morgen weitergeht ist noch unklar.
Klick klick klick
Wir starteten den Tag in Espelette und beendeten ihn unfreiwillig nicht weit davon entfernt. Aber mehr dazu später. Espelette ist bekannt für den schmackhaften Piment, eine Art Chili. Von Erwin angestiftet, schlenderten wir durch das Städtchen und kosteten von den verschiedenen daraus hergestellten Produkten. Die Pflanze ist sehr vielseitig verwendbar. Man findet Piment als Pulver, Paste und in Öl eingelegt. Oder als Zusatz in Konfitüre, Senf und Ketchup. Auch in Würsten, Schokolode und Likör. Zudem werden die baskischen Häuschen des Städtchens mit dem Chili geschmückt.
Mit vielen Mitbringsel eingedeckt fuhren wir in Richtung Camping in Mauchéon. Unterwegs liessen wir uns von Hinweisschildern verführen und machten uns auf den Weg zum „Pas de Roland“. Zusammen mit vielen Autos, die sich wagemutig die enge Strasse durch die Schlucht hinaufschlängelten, spazierten wir zum Felsdurchbruch, welcher der Sage nach von Roland auf der Flucht vor den Mauren und den Basken mit dem Schwert geschlagen wurde. Die Sehenswürdigkeit war spektakulär unspektakulär. Beinahe hätten wir sie übersehen. Da der Zugang gesperrt war, erklommen wir den Felsdurchbruch halblegal von der anderen Seite her. Danach setzten wir uns an die Nive und badeten unsere Beine in ihrem wunderbar kühlen und klaren Wasser. Welch Wonne! Die Schlucht hat uns sehr gefallen und die vielen abgeschliffenen Steine im Fluss erinnerten uns ein wenig ans Versasca-Tal.
Zurück zum Komet und weiter geht’s – doch… klick klick klick. Der Motor will nicht mehr anspringen. Alles gute Zureden, Schütteln und Stochern half nichts. Und so standen wir ziemlich ratlos in der glühenden Hitze auf einem Parkplatz, von dem wir nicht wussten, ob er privé ist – und das an einem Sonntag. Die Touris, auf die wir trafen, waren zwar rührend solidarisch, konnten aber leider auch nicht weiterhelfen. Genausowenig wie das Personal eines nahegelegenen Restaurants, welches uns umgehend zu einem Znacht einlud und auf das aktuelle Dorffest hinwies. Die Anwohner zeigten sich erfreut über die neuen Nachbarn und erwähnten zu unserer Freude, dass nicht weit von unserem Standort eine Citroën Garage zu finden sei. Beim Rekognoszierungsspaziergang trafen wir überraschend auf den Mechaniker. Während er uns erklärte, dass er sonntags nicht arbeite und am Montag auch keine Zeit habe, packte er bereits seine Utensilien, um uns zum Wohnmobil zu begleiten. Wir setzten uns alle in sein Citroën-Kistli, wobei Flo mangels Platz in den Kofferraum zu den Werkzeugen kletterte. Unser Retter war sehr gewissenhaft, kompetent und freundlich. Er ersetzte die defekte Batterie und schon brummte der Motor wieder. Fröhlich dankten wir dem Mechaniker den Einsatz mit einem Ragusa (nebst der Bezahlung selbstverständlich ????).
Da es inzwischen reichlich spät geworden war, entschieden wir uns, den lokalen Camping aufzusuchen. Netterweise nahm uns die zuvorkommende Besitzerin auch um 21 Uhr noch auf und meinte ausserdem, dass wir am kommenden Tag abreisen können, wann wir wollen. Ein Angebot, das uns sehr gelegen kam, denn: Tschüschüschüschü. Als wir den Kometen nochmals einen halben Meter verschieben wollten um ihn gerade hinzustellen, wollte er sich einfach nicht mehr bewegen.
Nun denn, wir tragen’s mit Fassung und kochen uns jetzt ein feines Znacht. Es gibt vegetarische Burger mit reichlich Beilagen. Morgen kontaktieren wir wieder unseren Mechaniker des Vertrauens. Wir danken unserem Schweizer Supportteam.
An Ubald: Äxgüsi, manchmal sind wir am Abend einfach zu müde zum Tippen.

























































